• Grandioses Theater: Dorothee Carls (l.) und Annika Pilstl leihen den Puppen immer wieder ihre eigenen Körper. −Foto: Mirja-Leena Zauner
    Grandioses Theater: Dorothee Carls (l.) und Annika Pilstl leihen den Puppen immer wieder ihre eigenen Körper. −Foto: Mirja-Leena Zauner

Meisterhaft geglücktes Wagnis

"Heidi Nord" als Puppenspiel der "Exen"

04. Okt. 2021 –

Im norwegischen Glimmerdal wohnt nur ein Kind: Tonje. Und dieses Kind hat nur einen Spielkameraden, den alten, grummligen Gunnvald. Das ist die Grundkonstellation einer rasanten Abenteuergeschichte, die in bester Astrid-Lindgren-Manier vom aufmüpfigen wie unermüdlichen Kindermut erzählt, der der Verknöchertheit der Erwachsenen eine Nase dreht. Tatsächlich basiert die Geschichte von Tonje auf einem norwegischen Kinderbuch von Maria Parr, das mit dem renommierten norwegischen Brage-Preis ausgezeichnet wurde.

Die Puppenspielerinnen Annika Pilstl und Dorothee Carls vom Ensemble "Die Exen" haben den Stoff, dem sie den Titel "Heidi Nord" verpasst haben und der am Freitag in Neuhaus am Inn (Landkreis Passau) uraufgeführt wurde, grandios umgesetzt. Mit grenzenloser Hingabe und feinem Gespür gelingt es den Spielerinnen unter der Regie von Friederike Krahl, eine wirklich verkorkste Familiengeschichte aufzustellen – ohne dass dabei die jüngsten Besucher im Kleindkindalter abgebogen sind, und das sagt viel aus.

Wie Pilstl und Carls ihr Publikum angesichts des nicht leichten Stoffs, der auf mehreren Zeitschienen und Erzählebenen passiert, überaus liebenswürdig und humorvoll in den Bann ziehen, darf meisterhaft genannt werden. Geglückt auch, wie sich mit reduzierten Requisiten, etwa einem aufgeschlagenen Zelt, einem Schlitten, Campinggeschirr und gekonnt gesetzten Sound- und Lichteffekten geheimnisvolle Märchenwelten öffnen. Es bedarf nicht nur großen Talents, Blechtassen überzeugend miteinander flirten und Ausrufe wie "Verfluchte Trollkacke" nicht albern, sondern total zutreffend erscheinen zu lassen.

Dass das Publikum wie nebenbei die schmerzhafte Geschichte eines Vaters erfährt, der kein Vater mehr sein wollte, das ist große Kunst. Wunderbar, dass im Stück mit Klischees gespielt wird – wie etwa beim wirklich ätzenden Hotelier und Wellnessprofi Klaus Hage –, die Geschichte aber nie abgleitet, sondern auf hohem und kunstvollem Niveau bleibt. Perfekt zur Darbietung der Spielerinnen abgestimmt ist die von Andreas Böhmer verantwortete Musik. Die von Udo Schneewiß gebauten markanten Puppen strahlen bis ins Detail Charakter aus. So offenbaren die wässrigen Augen von Klaus Hage einen gierigen Blick, während Gunnvalds Augen von klarer Tiefe und die der namensgebenden Heidi Vergebung und Güte spiegeln. Sehr beseelt ist es, wenn die kongenialen Puppenspielerinnen, die nach fünf Wochen hochdisziplinierter Probenarbeit auch noch Zeit finden, ihren Premierengästen selbst gebackene "Kanelboller", also norwegische Zimtschnecken, anzubieten.

Info zu weiteren Aufführungen und Buchungen: die-exen.de

Mirja-Leena Zauner

Passauer Neue Presse, 4. Oktober 2021

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